Biografien

Diemberger, Goedeke, Grohmann, Kaltenbrunner, Nairz, Steck

Kurt Diemberger
Aufbruch ins Ungewisse …
Mit einem Vorwort von Hans Kammerlander, 412 Seiten; 125 Bilder (44 farbig, 81 schwarz-weiß); 10 Skizzen, Format 12,5 x 18 cm; Klappenbroschur; Verlag Malik National Geographic (www.malik.de). ISBN 978-3-492-40434-1.
Endlich lesen, fern des Alltags, wenn Mußestunden dominieren, beispielsweise während Maientagen auf den Balearen, der Lese-Neugierde wegen angespannt. Erraten! An diesem Buch wächst Neugierde behende, konkret von null Meter über dem Meer in profunde Sphären, nicht selten entführt in eigenwillige Dimensionen: befüllt mit Gedanken, Worten, Sätzen aus jeweils subjektiv gewichtigen Zusammenhängen. Thematisiert in 18 Kapiteln. Jedes der Kapitel gleicht einem Solitär. Folglich darf das Lesen in einen Wechsel-Rhythmus geraten: Hier eilen Aufbruch-Gedanken einem nachgereihten Kapitel voraus; dort schließen desaströse Abbruch-Vorgänge an ein vorne gereihtes Kapitel. Lebensstil und Schreibstil ähneln einander. Diembergers Lebenslauf ist außergewöhnlich dicht gewoben. Kurt erklimmt, autophilosophisch unterlegt, seine Himmelsleiter. Dieselbe entrückt den Autor – o Schreck! – in die Erkenntnis: „Die Götter sind geflohen.“ Vielleicht der beste Satz, gewiss der beklem-mendste Satz im gesamten Œvre. Wo immer Kurt Diemberger sich bewegt, er lenkt seinen Aufbruch ins Ungewisse – bevorzugt an hohe, höhere, höchste Gipfel –, und Kurt ersinnt gleichermaßen hohe Gedanken: aktuellerweise am Mt. Everest, erst recht während aller Dramatik und Tragödie am Chogori (K2). Die Historie beflügelt den Autor im Shaksgam-Tal zu Forschertätigkeiten. Infolge einer oktroyierten Benachteiligung hadert Kurt – wirksam wie ein Kontrapunkt – am Ufer des Amazonas. An diesem Ort dominiert zwar der Spaßfaktor, jedoch tritt aus dem Inhalt insgesamt eher Dramatik zutage.
Kurt Diemberger: Geboren in Villach; eine Zeit lang in Salzburg zu Hause; aktuell ansässig in Bologna; gesamtheitlich weltweit beheimatet. Lesende nehmen Kurt Diemberger wahr, wie er Zeit seines Lebens sich selber treu blieb: Ein verinnerlichter Mensch. Kurt der Kristallsucher, der Ausnahme-Bergsteiger, der am höchsten Punkt der Erde wirkende Bergfilmer, der auch mit dem Piolet d’Or Gekrönte. Mehr noch: In Kurt Diemberger subsumiert sich der suchende Mensch. Angetrieben, seit Schulzeit-Tagen, von unstillbarer Sehnsucht nach freiem Sein, freiem Tun und gleicherweise freiem Loslassen, jeweils höchstmöglich oben. Aber, wo ist für den Kurt oben? Von Jahr zu Jahr gesteigert: beginnend in der Direttissima zur Schaumrolle der Königspitze; gipfelnd in zwei Achttausender-Erstbesteigungen; geprüft in schicksalhaft generierten
Überbelastungen einschließlich nachwirkender Niederlagen. Kurt bleibt sich treu: Erneut folgen Aufbruch um Aufbruch ins Ungewisse. Dennoch. Nicht die physisch relevanten Extrem-Komponenten allein füllen die nämlichen 412 Druckseiten. Nicht der am Shartse erstarrte Eiszapfen-Bart ist die Summe aller abgedruckten Fotos. Kurt Diemberger hinterlässt mit seinem – bewusst? – wie auf den Leib geschriebenen „Aufbruch ins Ungewisse“ (editiert 2011) eine Autobiographie. Das Aviso des Titels dauert fort, wie in jenem Vortrag vom 11. April 2016 im Veranstaltungszentrum im Haus Praterstern 3: AlpenklubPräsident Hannes Bauer stellte, bemessen stolz, die bunte Schar der Vortrag-Lauschenden als „eine Bergsteigerfamilie“ vor. Die Autogramm- stunde geriet lang und länger, ganz zu Recht: Derart bunt ist und bleibt die LeserSchar des Kurt Diemberger. Dessen Aufbruch ins Ungewisse währt, scheinbar, ewig fort.
Ad multos annos!                                                                                                                                  G. A.

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Richard Goedeke
Spagat – Ein Leben zwischen Berg und Engagement
240 Seiten mit zahlreichen Farb- und SWFotos, 15 x 23cm, gebunden, Rother 2016, ISBN 978-3-7633-7074-0, € 25,60.
Der Titel des Buches lässt viele Deutungen zu, aber alle finden im Text ihren Platz und es ist erstaunlich, dass ein Leben dafür ausreicht. Zunächst der Spagat beim Bergstei- gen zwischen Sicherheit und Risiko, wobei zwar der Schutzengel mehrmals herausge- fordert wurde, doch auch das nötige Glück stand dem Autor immer zur Seite. Der Spa- gat mit dem Universitätsstudium hingegen wurde locker bewältigt und der Doktortitel mit Auszeichnung errungen. Als Alpenvereinsfunktionär und Jugendleiter gab es wäh- rend der 1960er Jahre zweifellos einige Differenzen, die er durchzustehen hatte. Auf- müpfiges, nonkonformistisches Verhalten wurde (wird?) nie geschätzt. Und ein Be- kenntnis zur grünen Umweltpolitik war damals nicht unbedingt eine Empfehlung. Den schwierigsten Spagat aber, bei dessen Bewältigung manch andere Bergsteiger schei- tern, hat Goedeke laut seinen sehr persönlich geschriebenen Zeilen offenbar ohne größere Verletzungen aller Beteiligen geschafft. Die Liste seiner Veröffentlichungen ist lang, jene der Erstbegehungen noch länger. Und dass der Mulhacen (Spanien) der höch- ste Gipfel Europas vom Erdmittelpunkt an gerechnet ist, war dem Rezensenten unbe- kannt. Ein Buch, das Auseinandersetzung fordert, aber dazu muss man es auch gelesen haben.                                                                                                                                                           L.G.

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Hrsg. Wolfgang Strobl
Paul Grohmann: Erschließer der Dolomiten und Mitbegründer des Alpenvereins
256 Seiten mit zahlreichen Abb., Verlag Athesia, ISBN 978-88-6839-037-2, € 24,90
Mit der Lebensgeschichte und dem alpinistischen Wirken von Paul Grohmann als dem „Kolumbus der Dolomiten“ und Wegbereiter eines alpinen Fremdenverkehrs in dieser Region beschäftigen sich hier sechs Autoren. Dadurch wird viel vom zeitgeschichtlichen Umfeld sichtbar, denn von Grohmann selbst ist außer verstreuten Aufsätzen in alten Jahrbüchern im Grunde nur seine Aufsatzsammlung „Wanderungen in den Dolomiten“ erhalten, eine heute kaum lesbare Mischung aus Erlebnisbuch und Führer-Vorläufer. In jener Zeit waren die Autoren sorgsam bemüht, nur ja nichts Privates in ihre Texte ein- fließen zu lassen und alles dem BERG unterzuordnen. Sein alpinistischer Lebensweg endet praktisch in seinem fünfunddreißigsten Lebensjahr – als er durch den Börsen- krach 1873 sein gesamtes Vermögen verliert und ab dann in bescheidensten Verhält- nissen in einer Einzimmerwohnung lebt – von Unterstützungen durch Freunde und einer kleinen Rente seiner Schwester.
Dieser erste Band einer künftigen Reihe „Toblacher Ortsgeschichte“ ist eine wissen-schaftlich fundierte Arbeit mit zahlreichen Quellenverweisen und Fußnoten, erschließt den Lesern aber vermutlich alles, was über den „König der Dolomiten“ zu erfahren war.
                                                                                                                                                                                  a.m

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Gerlinde Kaltenbrunner
Ganz bei mir, Leidenschaft Achttausender
Mit Kapitel zum K2-Erfolg, Mitautorin: Karin Steinbach, erschienen am 16.2.2015,              384 Seiten, Taschenbuch, Malik Verlag; ISBN: 978-3-492-40541-6, € 14.99
„Bergsteigen ist für mich kein Wettkampf, es ist mein Leben“. Gerlinde Kaltenbrunner erzählt von den Anfängen als junges Mädchen, wo sie durch den Pfarrer Ihrer Heimat- gemeinde in Oberösterreich mit dem Bergvirus infiziert wurde, über ihre Entwicklungs- stationen (von der Krankenschwester bis zur Profibergsteigerin) mit dem immer glei- chen Ziel, Berge zu besteigen. Alles Materielle dem unterzuordnen und für ihren Le- bensschwerpunkt alles einzusetzen, was sie hat – ganz einfach aus dem Grund, weil sie sich dort – auf den Bergen – am Allerwohlsten fühlt, dort bei sich ist.
Man spürt ihre Verbundenheit mit dem Berg, ihre Ehrfurcht, ihre tiefe Dankbarkeit nach erfolgreicher Begehung, ihre Zweifel und Ängste. Aber trotz allem spürt man diesen Wil- len, das enorme Durchhaltevermögen und die Kraft, um die Ziele zu erreichen. Kalten- brunner glorifiziert weder ihr eigenes Können, noch verschönert sie die dramatischen Situationen. Es ist nicht der Wettkampf, als erste Frau alle 14 Achttausender ohne künstlichen Sauerstoff zu besteigen, es ist die unstillbare Sehnsucht aus eigener Kraft auf den schönsten und höchsten Gipfeln der Welt zu stehen. Gerlinde Kaltenbrunner bleibt immer die naturverbundene, leidenschaftliche Bergsteigerin, die bei allen An- strengungen und Gefahren den Blick für die Schönheit der Bergwelt nicht verliert. Dass persönliche Anekdoten Platz finden und schließlich auch das innige Verhältnis zwi- schen der Autorin und ihrem langjährigen Wegbegleiter Ralf Dujmovits erwähnt wer- den, macht die gesamte Berg-Lebensgeschichte menschlich. Spürbar in Kaltenbrunners eigener Sprache geschrieben, stilistisch auf behutsame Weise festgehalten durch die Co-Autorin, ist das Buch fesselnd, ohne dabei reißerisch oder heroisch zu werden.     b.g.

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Wolfgang Nairz
„Es wird schon gut gehen“ Berge und andere Abenteuer meines Lebens
Wolfgang Nairz im Gespräch mit Horst Christoph
272 Seiten, Online-Preis € 24.95, Tyrolia Verlag, ISBN: 978-3702234119, € 24,95
Anlässlich des 70. Geburtstages erzählt Wolfgang Nairz von seinem abenteuerlichen Leben. Schon im Elternhaus waren die Gipfel der Welt Gesprächsstoff und Hermann Buhl ein Gast im großväterlichen Wohnzimmer. So führt das Buch über die bergsteige- rischen Erfolge zu der erfolgreichen Expedition von 1978 am Everest. Nairz leitete seine Expeditionen antiautoritär und nicht in dem strengen militärischen Stil der früheren Generationen. Viele seiner Wegbegleiter liefern in dem Buch humorvolle Beiträge. Den Expeditionsleiter Wolfang Nairz verbindet bis heute Freundschaft mit allen Teilnehmern seiner Unternehmungen auf den Weltbergen. „… immer sind wir in Frieden nach Hause gekommen“, bestätigt auch Reinhold Messner.
Die bisher unveröffentlichten privaten Briefe bringen dem Leser den Menschen Wolf- gang Nairz näher. Ganz besonders berührt hat mich der Brief seines Schwiegervaters anlässlich des Erfolges am Mount Everest. Der Titel: „Es wird schon gut gehen“ spiegelt die positive Lebenseinstellung von Wolfi Nairz faszinierend und ebenso seine Laufbahn als Heißluftballonfahrer sowie sein soziales Engagement in Nepal, von dem er im letz- ten Drittel des Buches berichtet. Etwas störend sind die künstlich wirkenden Interviews von Dr. Horst Christoph. Dadurch wirkt das Buch nicht so flüssig und die Spannung wird unterbrochen. Trotzdem ein schönes Buch, welches auch mit beeindruckenden Fotos aufwartet.                                                                                                                                                   b.g.

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Ueli Steck mit Karin Steinbach
8000+ — Aufbruch in die Todeszone
256 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen, gebunden und Taschenbuchformat,
Malik – National Geografic 2014, ISBN 978-3-492-40547-8, € 19,99 / € 12,99.
Der Schweizer Ueli Steck, Jahrgang 1976, wurde ursprünglich durch unwahrscheinlich schnelle Solobegehungen großer Alpenwände bekannt. In logischer Fortentwicklung hat er dies auf die höchsten Gipfel der Erde übertragen, und zählt nun zu den Spitzen der alpinistischen Weltliga. Genaue Selbsteinschätzung, kluge Taktik sowie Verzicht auf Hilfsmittel wie Flaschensauerstoff und Medikamenten-Tricksereien kennzeichnen sei- nen Stil. Dieses Buch bildet auch eine Momentaufnahme des derzeitigen internationa- lisierten Expeditionsgeschehens, in dem sich alle Stilrichtungen zugleich beobachten lassen: vom „Pisten-Alpinismus“ an den Achttausendern, über das Eroberungs-Er- schließen technisch ungemein anspruchsvoller Wände bis zu Leichtgewichts-Unterneh- mungen mit großer sportlich-moralischer Selbstdisziplin. Seine größten Leistungen sieht er selbst daher in seinen Speed-, Solo- und Erstbegehungen hoher, schwieriger Himalayawände, vor allem der Shisha Pangma-Südwand. Dennoch: der höchste Berg der Welt lockte auch ihn – Kommerzbetrieb hin oder her! Stecks Entschluss, 100 Höhen- meter unter dem Gipfel des Everest aus Sorge um seine gefühllosen Zehen umzukeh- ren, nötigt Respekt ab. Zwei Jahre später hat er ihn dann problemlos (ohne Flaschen- sauerstoff, versteht sich) erreicht – und dies lässt Rückschlüsse zu auf den immensen Druck und die Risikobereitschaft der Alpinisten in früheren Jahrzehnten, als es für sie praktisch meist nur EINE einzige Chance in einem Bergsteigerleben gab. Flüssig ge- schrieben, spannend zu lesen – sollte in keinem Bergbuchregal fehlen!                          a.m.

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