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Alfred & Elisabeth Kapfenberger, Doris Möser-Kapfenberger, Ursula Kerec, Stefan Kieninger, Carl Kirschbaum, Bruno Klausbruckner, Sylvia Kleedorfer, Christoph Klein, Elfriede Klein, Ursula König, Peter Königsberger, Heidemarie Krejci, Felix Kromer, Stefan Kucsko, Julius Kugy, Clara Kulich, Manfred Kunes …

Kapfenberger

Alfred Kapfenberger erblickte in Hainfeld – auf historischem Boden (Gründung der sozialdemokratischen Partei durch Viktor adler) – das Licht der Welt. Harald Braun wurde in Murau (Steiermark) geboren. Gefunden haben sich die beiden auf der Rax – damit wurde der Grundstein für eine überaus erfolgreiche Seilschaft gelegt – die Seilschaft Alfred Kapfenberger-Harald Braun. Ihre zahlreichen anspruchsvollen Bergfahrten in den Ost- und Westalpen, darunter zahlreiche Erstbegehungen sind gleichermaßen bekannt wie bemerkenswert; dennoch will ich aber vor allem bei unserem geliebten hausberg – der Rax – bleiben.
Lieber alfred, lieber Harald, ich schätze mich glücklich, dass ich euch bei den Reichensteinern persönlich kennenlernen durfte. „Hic Rhodus – Hic Salta“, diese Worte stammen aus der Fabel „Der Fünfkämpfer als Prahlhans“ des berühmten griechischen Dichters Aesop, der im 6. Jahrhundert vor Chr. lebte. Sie galten einem Fünfkämpfer, der ob seiner Prahlerei aufgefordert wurde, das Geleistete hier und jetzt zu wiederholen. Hic Rhodus – Hic salta bedeutet: Zeig her, was du kannst … Alfred Kapfenberger und Harald Braun – zwei Altphilologen? Dieses geläufige Sprichwort schien nur ein passender Name für eine neue Route im kompakten Bereich der Blechmauer zu sein. „Wir wollten uns damit auch bewusst von den Anglizismen entfernen, die in diesen Jahren häufig als Namen für Sportkletter-Anstiege gewählt wurden, und deren Sinn meist nur für „Szene-Insider“ verständlich und entschlüsselbar war.“ (Zitat Harald Braun)
Ich denke, die beiden sind Philosophen im Sinne Seneca’s: „Die Philosophie lehrt handeln, nicht reden“ … Ewald Putz, mein Freund aus dem „schönsten Tal“ versucht
eure Persönlichkeit zu würdigen: „Ja, der Fredl und der Hary! Es bekommt jede Äußerung, ob erzähltes Bergerlebnis oder geschriebenes „Berggschichtel“ zwangsläufig einen sentimentalen Beigeschmack, wenn diese Äußerung die letzte Phase der „Alpinen Erschließung“ der Kletterfelsen auf der Rax oder der jenseits der Schwarza gelegenen Erhebung betrifft. Damals, so ist man mit weinerlichem Unterton zu sagen geneigt, damals war alles ganz anders! Wenn man in die Kletterführer dieser Zeit blickt, so prägen zwei Namen diese Kletterepoche: Kapfenberger-Braun. Was danach kam war die so genannte Nacherschließung. Natürliche Strukturen wurden unwichtiger, das „Einrichten“ von Touren, also das setzen von Bohrhaken und das „Putzen“ (entfernen von brüchigem Gestein, Gras und Gesträuch) führte zu einer völlig anderen Charakteristik der Touren. Davor aber war eure große Zeit. Damals konnte man, ging man ins Große Höllental hinein, in den linken und rechten Wandfluchten in jedem Segment der Felsen eine „Kapfenberger-Tour“ entdecken. Jeder nur denkbare Riss, jede Verschneidung, jede kletterbare Kante wurde von euch erstiegen, von unten nach oben, ohne vorherige Erkundung – Abenteuer pur! Die Erzählungen eurer Abenteuer fanden in den Routen-beschreibungen ihren Niederschlag, allerdings nur ein Kletterer dieser Zeit konnte die Bedeutung der Texte erfassen (Routenskizzen kamen erst langsam in Mode). Die langsam den ganzen Körper überziehenden Angstschauer werden nur den erfassen, der die beschriebene Tour selbst geklettert ist: „Man folgt einem Band, das schräg nach rechts leitet zu einem Schlingenstand an schlechten Haken, 1 Holzkeil. Von hier brüchig schräg r. überhängend aufwärts zu einem meist nassen Überhang. Über diesen mittels Holzkeil hinauf zu Schlingenstand. Nun leicht fallend nach links unter einen Überhang queren …“
Ja die Kunst, die von der Natur vorgegebenen Möglichkeiten mit aller Kreativität und handwerklichem Können zu nutzen, ist wohl weitgehend in Vergessenheit geraten. „schöner“ im Sinne einer Kletterakrobatik sind die Touren zweifellos geworden, aber die Abenteuer eurer Jugend kann euch keiner nehmen!“
Der Seilschaft Kapfenberger-Braun verdanken wir eine ganze Reihe herrlicher neuer Wege auf Rax und Schneeberg. Die Markenzeichen sind immer dieselben: gut geputzt, mit soliden Normalhaken gesichert. Alfred Kapfenberger und Harald Braun wissen, dass das Bergsteigen verschiedene Stilrichtungen braucht, dass es wichtig ist, auch Rander-scheinungen zu tolerieren, um durch neue Impulse eine fruchtbare Weiterentwicklung zu ermöglichen. Hatte man vor dem Zweiten Weltkrieg technische Passagen deshalb in Kauf genommen, weil ohne deren Überwindung mitunter eine riesige Nordwandflucht nicht durchsteigbar gewesen wäre, so fing man nunmehr damit an, Routen zu kreieren, die technisches Können in den Vordergrund rücken. Da wurden dann bewusst Touren erstbegangen, bei denen klar war, dass ein vermehrter Hakeneinsatz und die Anwendung der aufgekommenen Trittleitern von Nöten sein würden. Kein Geringerer als Riccardo Cassin brach eine Lanze für die Motive der Direttissima-Erschließer: „… Wichtig ist, dass der Ehrgeiz, der Wille zur selbsterfüllung und zu einer persönlichen inneren Weiterentwicklung das ureigenste Wesen des Alpinismus sind. Direttissima-Routen zu kritisieren, nur weil sie mit künstlichen Hilfsmitteln eröffnet wurden, ist ein Unsinn, denn diese Mittel haben sich nunmehr als eine Notwendigkeit durchgesetzt.“   Eine der ganz hohen, kompakten Felswände der Ostalpen ist die 800 m hohe Dachstein-Südwand. Die Dachstein-Südwand Direttissima, von Leo Schlömmer und Peter Perner erstbegangen, bietet anspruchvollste technische und freie Kletterei mit einem 50 Meter weit ausladenden Dach in 700 m höhe. 1967 nach mehrmaligen Versuchen erstbegangen, gelang Alfred Kapfenberger im selben Jahr die 2. Begehung.
1969 kletterte er nochmals über die gewaltige Route. Seine Feststellung abschließend, dass diese Tour eine der schwierigsten der Ostalpen ist …
„Etwa drei Viertelstunden ober Kaiserbrunn öffnet sich das Große Höllental … der ernste Name konnte nicht bezeichnender gegeben werden. Tausenden ist das herrliche Bild von der ersten Wiese aus bekannt; ganz vergebene Mühe aber wäre es, wollten wir die Eindrücke schildern, die wir in den himmelstürmenden Wänden selbst empfangen …“ so beschreibt Fritz Benesch 1909 in seinem „Spezialführer auf die Raxalpe“ das
Gebiet des Großen Höllentales. Was kann einem Besseres geschehen, als mit einem Religionslehrer eine der längsten Fahrten in diesen himmelstürmenden Wänden im Höllental zu begehen … der Religionslehrer: Peter Holl, selbst Verfasser des „Führer auf die Raxalpe“ von 1973 – sein Seilpartner: Alfred Kapfenberger. Dieser weiß sehr humorvoll Folgendes zu berichten: „Als die Blechmauer brannte … Anfang der 1970er Jahre beging ich mit Peter Holl die unmittelbare Blechmauer (Schleihsweg). Damals war diese Route äußerst beliebt, eine Modetour sozusagen. Man musste sehr früh beim Einstieg sein, um nicht ins Gedränge zu kommen. An diesem Tag waren wir die einzige Seilschaft, da es schon November war. Das Wetter war schön, aber sehr kalt. In dieser Jahreszeit bescheint die Sonne die Blechmauer nur ganz kurz. Es hieß also: beim Klettern schwitzen und am Standplatz frieren. Endlich standen wir vor dem Ausstiegsriss, dem so genannten Dangl- bzw. Holzpacklriss, der in den Blechmauernriss mündet und durch diesen zum Ausstieg führt. Peter wollte unbedingt diesen Riss als Seilerster begehen. Dazu ist zu sagen, dass Peter, wenn es schwierig wurde, nicht gerade der Schnellste war. Etliche Zeit später – ich fror schon erbärmlich – war Peter erst in der Hälfte des Risses. Trotz eifrigem Herumhüpfens wurde mir nicht wärmer. Da kam mir die „zündende“ Idee: ich riss einige trockene Grasbüschel aus, schlichtete sie zu einem Haufen und zündete das Ganze an. Wohlige Wärme! Die Freude währte allerdings nur kurz, denn gleich darauf fing der ganze Standplatz, der sich auf einem Grasband befand, zu brennen an. Meine Lösch-versuche erwiesen sich als zwecklos. Nun musste ich etwas unternehmen, und zwar rasch! Ich raffte das Restseil, das am Standplatz lose herumlag auf, hängte es mir über die Schultern und rief zu Peter hinauf: „Peter, die Blechmauer brennt; ich komme jetzt zu dir hinauf!“ Rasch kletterte ich etwa zehn Meter weiter hinauf. Dann beobachteten wir beide erwartungsvoll und bange, was nun passieren würde. Das Feuer fraß sich links vom Standplatz in Richtung Reitgrat des Danglweges. Dort war das Grasband zu Ende und die Flammen erlöschten. Rechts vom Standplatz wütete das Feuer schon sehr bedrohlich. Es brannte Richtung Gras und Baumstufe am Beginn des Blechmauern-risses. Zum Glück stoppte eine größere Felsplatte das Weiterkommen der Flammen. Dichte Rauchschwaden hüllten uns ein, als ich zum verkohlten Standplatz wieder abkletterte. Dort stand ich in der Asche und jede Bewegung wirbelte eine Wolke auf. Am Ausstieg klopften wir uns die Asche aus Gewand und Haaren. Wir verströmten beide einen dezenten Geruch nach „Geselch- tem“. Zurück im Weichtalhaus hörten wir Wanderer von einem Brand in einer Felswand erzählen. Der Hüttenwirt Peter Rottensteiner sah uns an und schmunzelte. Wir aber tranken einige Flaschen Bier und fuhren nach Hause.“ Ob Peter Holl in der folgenden Nacht wohl vom Fegefeuer geträumt hat …?“ Quelle: Nie das Gleiche, Essays und Briefe
eine ausgewählte Biografie der „Reichensteiner“

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Ursula Kerec, Stefan Kieninger,

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Carl Kirschbaum,ÖAK-Präsident 1929-1931 und 1941-1951;

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Bruno Klausbruckner, Sylvia Kleedorfer, Christoph Klein, Elfriede Klein, Ursula König, Peter Königsberger, Heidemarie Krejci, Felix Kromer, Stefan Kucsko,

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Julius Kugy
19. 7. 1858 Görz – 5. 2. 1944 Triest (Klubmitglied seit 1888)

Kugy 3 Kugy, Julius kleinAls einer der Evangelisten des klassischen Bergsteigens und vor allem als Erschließer der Julischen Alpen hat er einen Ehrenplatz in der Säulenhalle des Alpinismus. Kugy wuchs in Triest auf, in den gesicherten Wertkategorien des altösterreichischen Großbürgertums: sein Vater leitete in dieser viertgrößten Stadt der Monarchie ein bedeutendes Import-Export-Unternehmen. Über die Botanik fand er zum Forschen, Wandern und Bergsteigen. Als Student der Rechtswissenschaft in Wien traf er auf einen Kreis von ambitionierten jungen Alpinisten, die eben (eine Art Jugendrevolte) das „führerlose Bergsteigen“ propagierten: die Zsigmondys, Lammer, Pfannl, Purtscheller. Im Gegensatz zu ihnen wollte und konnte er sich gute Bergführer leisten, deren Leistungen er in seinen Schilderungen nie verkleinert hat. Denn: „Ich zog es vor, als ‚Herr’ in die Berge zu gehen. Daß ich es nicht als ‚Mehlsack’ tat, weiß man. Die rein materielle Arbeit überließ ich gerne anderen, tat sie nur, wenn ich musste, bewältigte sie auch leicht, wo es notwendig war.“                                                                                                                                                                      Zur Entdeckung unbekannter Berge und neuer Aufstiege musste sich Kugy nicht auf exotische Inseln oder in polare Kältelöcher bemühen. Seine Expeditionen ins Unerforschte begannen wenige Dutzend Kilometer von seiner Heimatstadt Triest entfernt, in den Tälern und Bergen der Julischen Alpen, wo er im Lauf seines Lebens zum ungekrönten König aufstieg: Rund 50 Erstbegehungen hat er dort unternommen, meist große und klare Linien, oft den ersten Anstieg über eine Bergseite. Beachtlich sind seine winterlichen Erstbesteigungen (ohne Ski-Benützung!) von Jalovec, Kanin, Prisojnik, Wischberg, Mangart, Montasch und Triglav. – Im Zug seiner alljährlichen „Westalpen-Kampagnen“ gelangen ihm insgesamt rund vierzig Viertausender-Besteigungen, darunter hochkarätige Anstiege wie etwa zwei Routen durch die Monte-Rosa-Ostwand, die Überschreitung der Barre des Ecrins, die Brenvaflanke bei starker Vereisung, oder der Mont Dolent vom Neuvaz-Gletscher.                                                             Als eher „statischer“ Alpinist, abseits diffiziler Kletterakrobatik, stieg er bedächtig, aber zielsicher zu Berge, stand mit beiden Beinen gleichermaßen fest auf den morschen Graten und Gesimsen seiner geliebten Julier, den Eisflanken der Westalpengipfel – und ebenso auch im Erwerbsleben: Der Seniorchef des Verlagshauses Rother erinnerte sich fast bewundernd, wie der Schriftsteller Kugy um jeden Pfennig seiner Tantiemen feilschte. – Inmitten einer Geisteswelt, die unterschwellig vom Bergtod faselte, fand er als Realist den klaren Satz:                                                                                                                      „Der Tod in den Bergen ist selten ein Heldentod, sondern meistens eine große Dummheit“.                                                                                                                                                        Er war kein Vollzeitbergsteiger: Mit fünfundzwanzig Jahren wurde er nach dem Ableben seines Vaters verantwortlicher Chef eines Großhandelshauses. Der Titel seines berührenden Buches „Arbeit – Musik – Berge“ (man beachte die Reihenfolge!) kann zugleich als sein Lebensmotto gelten: mit der Musik als prägendem Faktor, wie zahlreiche musikalische Metaphern in seinen Büchern verraten. Er war ein hervorragender Organist, übte täglich bis zu drei Stunden, gründete einen Kirchenchor und machte sich um die Wiederentdeckung alter Kirchenmusik verdient. Als Gipfelpunkt seines musikalischen Schaffens bezeichnet er eine der Messen von Pierluigi da Palestrina in der Basilika von Aquileja: „Nichts, nichts in meinem Leben kommt dieser Erinnerung gleich!“                                                                                                                               Der Erste Weltkrieg zertrümmerte die Ordnungssysteme, in denen er aufgewachsen war, vor allem seine wirtschaftliche Lebensgrundlage: „Wir waren Könige gewesen und sind ‚Schnorrer’ geworden. Mein kaufmännischer Stolz war tief gedemütigt“. Er nahm den Untergang der Monarchie bedauernd hin, stand aber danach loyal zu seinem neuen Vaterland Italien. Deshalb hat er von seinen Kriegserlebnissen – immerhin war er drei Jahre als sachkundiger Alpin-Referent in vorderster Linie – nicht viel berichtet, und schon gar nichts „Heldisches“, wie es damals zeitgemäß produziert wurde:
„Nur eines möchte ich erwähnen, weil es zu meiner rein alpinen Arbeit gehört. Schon im ersten Kriegswinter 1915/16 zählten in den Brigaden zur Rechten und Linken die Lawinentoten an die tausend Mann. In unserer Gebirgsbrigade hätte man diese an einer Hand abzählen können. Es hat daran eine wundervolle Schar der Bergsteiger mitgearbeitet, die unter meiner Leitung im Dienst stand. Das war eine der wenigen, dauernden Genugtuungen, die ich aus dem Krieg heimgebracht habe. Und die zweite, dass ich diese Schar von hellen Jungen, die in unvergesslicher Hingabe an meiner Seite arbeitete, gesund und wohlbehalten ihren harrenden Müttern zurückstellen konnte. Keiner hat gefehlt.“
Zu einem kaufmännischen Neubeginn fehlte ihm mit sechzig die Kraft, dafür begann seine Karriere als Schriftsteller. Das erste Exemplar seines in zahlreichen Auflagen erschienenen Longsellers, schlicht betitelt: „Aus dem Leben eines Bergsteigers“ hielt er mit 67 in Händen – die Lebenserinnerungen eines alten Mannes, der durch alle Konflikte und Wirrnisse seiner Epoche hindurchgegangen war, durch den Filter der Jahrzehnte zu fast Goethe’scher Weisheit destilliert. Besonders in der Zeit der damaligen weltweiten Wirtschaftsdepression wurde dieses Buch, welches mit magischen literarischen Bildern Rückblicke in ein scheinbares, auf jeden Fall verlorenes Paradies gewährt (ähnlich Roseggers „Waldheimat“), als förmlicher Seelenbalsam empfunden und wertgeschätzt. Sein poetischer Stil wirkt bis heute authentisch, sprachlich ausgefeilt und im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen niemals aufgesetzt und peinlich.                                                                                                                            Von den nationalistischen Mißtönen dieser Ära hat er sich stets fern gehalten. „Fremdes“ ist in einer Hafenstadt nie etwas Erschreckendes und Negatives gewesen, und seine eigene Identität hätte er gleich mehrfach spalten müssen: Sein Vater stammte aus Kärnten, seine Mutter aus Slowenien, seine Umgangssprache als Kind war italienisch, literarisch tätig war er im deutschen Sprachraum, und wesensmäßig war er den Herrenbergsteigern Old Englands verwandt. So wurde er von den drei Nationen, die zu Füßen der Julischen Alpen leben, selbst in Zeiten politischer Hysterie gleichermaßen geschätzt und verehrt, seine Bücher dreifach zum literarischen Gemeingut. Ein Weltbürger, dem die Ehrenmitgliedschaft des ÖAK, des britischen Alpine Club und des Schweizer Alpenclubs verliehen wurde. – Im Winter 1944, am Höhepunkt einer neuerlichen Weltkatastrophe, brach sich der alte Mann in seinem Haus bei einem Sturz den Oberschenkel, lag lange bewegungsunfähig in dem ungeheizten Raum, ehe ihn seine Haushälterin fand. Er zog sich eine Lungenentzündung zu, die sein Ende bedeutete.                                                                            Im 21. Jahrhundert wirkt Kugy als Bote aus einer fernen Zeit, die sich mittlerweile in unvorstellbarem Maß geändert hat – und ist doch irgendwie gegenwärtig: suchen doch nach wie vor Bergfreunde aus ganz Mitteleuropa, sein Buch als geistige Matrix im Hinterkopf, nach seinem versunkenen Paradies, seiner Entdeckung der Langsamkeit und der Stille … Die Motorradfahrer, welche den Vrsič-Pass hinauf und hinunter rasen, werden beide nicht wahrnehmen, und sein Denkmal an der Passstraße höchstens aus der Schräglage. Doch ist der Triglav – stilisiert in die slowenische Landesflagge integriert – zu einer Art Nationalheiligtum geworden, auf dem jeder Landesbewohner einmal gestanden haben will. Manchmal scheint es, als möchten dies sämtliche gleichzeitig.                                                                                                                                                    Alles bleibt anders: wir fahren unbeschwert mit dem Mountainbike über alte Kriegsstraßen, oder begegnen auf Klettersteigen und Felsrouten kopfschüttelnd den Überresten einstigen Wahnsinns. Auch das Führerbergsteigen hat von der Voralpenwanderung bis in höchste „Eisige Höhen“ wieder Konjunktur. Für gegenwärtige Generationen (nein – die Palestrina-Messe könnt ihr euch nicht als Klingelton aufs Handy laden!) wird er vermutlich als Fossil wirken:
„Immer wieder möchte ich es sagen: Gedenket jener, die vor euch in den Bergen sich freuten. Das soll nicht bloß Herzensbedürfnis sein, es ist auch Dankesschuld. Vergesset nie, dass ihr mit eurer heutigen Technik und mit eurer modernen Leistungskraft auf ihren Schultern steht. … Leset die gute Literatur! Ihr werdet dann die Berge auch ganz anders verstehen und genießen. Die Wechselbeziehungen zwischen Menschen und Bergen, die Verkettung von Menschenschicksalen mit Berghistorie werden euch ein reiches Feld für ernste Betrachtung bieten …“ Geh, bitte!! Wo doch das Bergsteigen ein Freizeitspaß ist!                                                                                                                                                                    Auch sonst hätte er es nicht leicht, heutzutage: Seine massige, über hundert Kilo schwere Erscheinung, gekrönt von einem speckigen Hut, der scheinbar alle seine zweihundert Biwaks mitgemacht hatte, würde so gar nicht in das aktuelle „jung, schlank & trendy“-Schema der alpinen Gazetten passen. Als exzessiver Raucher, zeitlebens in Zigarren- und Pfeifenqualm gehüllt, geriete er wiederum als Jugendvorbild bei den Dogmatikern einer öko-alpinen Correctness in einen Erklärungsnotstand. Selbst sein Bestehen auf einer altmodischen Courtoisie und dem Distanz wahrenden „Sie“ würde ihm nur bedingt helfen: „T’schuldigung, Herr Doktor“ – würde es eben heißen, „zum Rauchen müssen Sie aber vor die Hütt’n gehen!“               Doch wenn einst alle unsere Datenträger nicht mehr lesbar sind und die Bildschirme schwarz bleiben, wird noch immer die Winterbesteigung des Triglav (1895) dank seiner bildhaften Sprachgewalt und Formulierungskunst in leuchtenden Farben vor den Augen der letzten Lesebuch-Mohikaner entstehen:
„Die winterliche Pracht der Aussicht dieses Tages ist nicht zu schildern, ich muß mich noch heute fragen, ob ich damals wachte und erlebte, oder ob ich geträumt habe. Die Sonne neigte sich eben langsam gegen den Untergang. Vom weit hinaus sichtbaren Meere bis zu den Dolomiten flammte der ganze Süden und der ganze Westen in glühend roten und goldenen Farben. Je tiefer sie sank, umso gewaltiger erbrausten immer neue, immer strahlendere Farbenregister. Die Himmel sangen dem scheidenden Tagesgestirn einen Hymnus von nie geahnter Herrlichkeit. Im Osten und Norden standen alle Berge in leuchtend gelben Tönen, in die Täler sanken tiefblaue Schatten. Nie werde ich Gleiches wieder sehen. Denn als die Farben verblasst waren und wir pünktlich um 5 Uhr den Abstieg von der Schutzhütte begannen, da löste den märchenhaften Tag eine märchenhaft schöne Mondnacht ab. Knirschend griffen wieder die Steigeisen ein, die steilen, im Mondlicht schimmernden Schneehänge schossen spiegelglatt in die Tiefe …“  Ursupertoll, voll geil, äh – nicht? Irgendwie? – Wer nun, neugierig geworden, das vermeintlich verstaubte Werk* eines in der Vergangenheit versunkenen Alten aufschlägt, wird wahrscheinlich überrascht ein fesselndes, gekonnt und mit Seele geschriebenes Zeitdokument entdecken. Und zeitlose Werte, die das Bergsteigen in allen Lebensphasen weit über Aktivurlaub, Fun-Faktor und Prestige-Skala hinauszuheben vermögen.                                                                                                                    *„Aus dem Leben eines Bergsteigers“; Rother / München. 10. Auflage 1989                             ÖAZ Folge 1600 (Okt-Dez 2008)

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Clara Kulich, Manfred Kunes, ____________________________________________________________________