18.646.054

Der Alpenklub trauert um: Helma Schimke & Prof. Norman Günther Dyhrenfurth

Ing. Arch. Helma Schimke * 16. Feb. 1926 – † 7. April 2018;
ÖAK-Mitglied seit 1953, Ehrenmitglied des Österr. Alpenklubs und des ÖAV

helmaschimke2.5444718

„Der Berg steht über allem, nicht so als ob er das Allerhöchste wäre. So vieles gibt es, das über ihm steht, stehen muss. Aber der Berg überdacht unser Tal-Leben, unsere Freuden und Nöte, er formt Gefühl und Bewusstsein; vor allem jedoch zwingt er uns, sich den Gesetzen der natürlichen Ordnung widerspruchs-los zu fügen“, Helma Schimke, die Grande Dame des österreichischen Alpinismus aus Salzburg. „Ich bin in Seekirchen aufgewachsen und mit fünf Jahren durchgebrannt, weil ich ein Gipferl gesehen hab‘ und wissen wollte, wie es ausschaut. Damit habe ich eine Riesensuchaktion ausgelöst. Mit 12 Jahren bin ich dann über den Dopplersteig auf den Untersberg und dabei rettungslos entflammt. Ich habe ja nicht gewusst, dass ich damit aus der Rolle falle. “ Ich will Bergsteigerin werden! schrieb Helma in ihr Tagebuch: Dieser Wunsch war damals für ein Mädchen genauso unge-wöhnlich wie der Besuch der HTL. Statt mit Puppen zu spielen, nützte Helma ihr prak-tisches Talent und bastelte schon als Kind lieber Baumhäuser. „Meine Mutter hätte lieber aus mir eine Schneiderin oder irgendetwas Brauchbares gemacht. Mich hat die HTL sehr gefreut, aber wir mussten auch am Bau praktizieren. Da wurde man als Mädchen be-lächelt und manchmal auch traktiert. Das war halt so. Beleidigend war aber, wenn jemand gesagt hat, gscheiter du gehst heim und nimmst an Kochlöffel.“
Helma studierte Architektur in Wien – unter anderem bei Clemens Holzmeister. Sie tauschte den selbstgenähten Wintermantel der Mutter gegen ein Kletterseil und nahm an einem Kletterkurs der Akademischen Sektion Wien teil. Der Untersberg wurde ihr ,Lebensberg‘, an dem sie später in der Dopplerwand auch den 6. Schwierigkeitsgrad schaffte – mit den damaligen Sicherungsmöglichkeiten! „Ich war eine Freche und boxte mich durch. Während der Wienzeit habe ich selbständig meine erste Tour auf den Groß-glockner unternommen. Ich habe auch sehr viele Bergbücher gelesen und die berühmtes-ten Touren auswendig gekannt.“ In Salzburg begann Helma als freischaffende Architek-tin zu arbeiten und entwickelte sich zu einer kühnen, für die 1950er und 60er Jahre extremen Alpinistin. „Es gab damals keine weiblichen Bergsteigerinnen“, meinte Helma, die mit Hermann Buhl, Marcus Schmuck, Fritz Wintersteller (alle drei zusammen mit Kurt Diemberger 1957 Erstbesteiger des Achttausenders Broad Peak ), Ernst Reiss (Lhotse-Erstbesteiger) … kletterte. In der harten Zeit nach dem Krieg bis in die 1960er Jahre wurde weibliche Bergbegeisterung wurde schärfstens  abgelehnt.                          „Ich bin auch mit dem Motorroller in die Westalpen gefahren. Mit dem Zug hat das ja zwei Tage oder noch länger gedauert.“ In Helmas Tourenbüchern sind viele der damals schwierigsten Touren vermerkt wie z.B. Brenva-Flanke (ohne Eishaken!) und Peuterey-Grat (Montblanc), Monte Rosa-Ostwand, Palla-vicini-Rinne (Großglockner), Maukspitze-Westwand und Fleischbank-SO-Verschneidung (Kaisergebirge), Cassin-Route in der Westl. Zinne-Nordwand … Oft übernahm sie die Führung am scharfen Ende des Seils.
Helmas Mann Konrad war ebenso bergbegeistert, doch er starb 1961 in der Watzmann-Ostwand in einer Lawine. Selbst nach diesem Unglück hörte Helma nicht mit dem Bergsteigen auf. Sie war überzeugt, ihre Entscheidung sei die einzig richtige gewesen, um diesen Schicksalsschlag zu meistern. „Die Berge sind immer mein Rettungsanker gewesen.“ Mit eisernem Willen schaffte es die damals 35jährige Witwe, ihre drei kleinen Kinder allein zu versorgen.
„Die hohen Berge der Welt abzuschreiben, war ein ganz harter Kampf. Nach Nepal gekommen bin ich erst mit 77 und jeden Tag 8 bis 11 Stunden gegangen.“ Mit 77 stieg Helma beim Klettern noch vor. „Aber ich schwindle manchmal und greif in einen Kara-biner und freu mich, dass er da ist. Das Älterwerden hat auch seine Vorteile, weil man vieles intensiver erlebt.“ Helma kletterte bis weit jenseits ihres 80.Geburtstags . Ihre berufliche Laufbahn beendete sie erst knapp vor dem 90.Geburtstag. Helma Schimke gilt als Pionierin des Frauenbergsteigens und nimmt eine herausragende Rolle im Alpinismus ein.
Unbedingt lesenswert: „Auf steilen Wegen“ und „Über allem der Berg“ von Helma Schimke, in der Klubbibliothek auszuleihen!                                                                                  Unbedingt sehenswert: https://www.youtube.com/watch?v=-ecr2UVakA8;
https://www.youtube.com/watch?v=ZZzps4t8YRY

 

________________________________________________________________________

Norman G. Dyhrenfurth * 7. Mai 1918 – † 24. Sept. 2017,
Alpenklubmitglied seit 1969, Ehrenmitglied
Wir trauern um unser verstorbenes Mitglied und werden ihm stets ein ehrenvolles Gedenken bewahren. https://www.film-tv.at/archiv/trailer-2010/15117-zum-dritten-pol-film-trailer.html

„Ich möchte nicht gleich vergessen sein,“ sagte Norman des öfteren zu seinen Freunden. Die Veröffentlichung seines letzten Manuskriptes zum 100. Geburtstag verpasste er nur knapp. Dyhrenfurth1 Dyhrenfurth2

In diesen bisher unveröffentlichten Texten des großen Himalaya-Bergsteigers, Doku-mentarfilmers und Expeditionsleiters kreist alles um den höchsten Gipfel der Erde. Der Mount Everest war sein Lebensberg, seit seiner Teilnahme an einer Schweizer Expedi-tion 1952, ein Jahr vor der Erstbesteigung. Die Leitung der erfolgreichen amerikani-schen Everest-Expedition 1963 wurde zum Höhepunkt seines Lebens. Er stand zwar nicht selbst auf dem Gipfel, sorgte aber als Expeditionsleiter für einen erfolgreichen Ablauf des Unternehmens, in dessen Verlauf erstmals die Überschreitung eines Acht-tausenders gelang, und erreichte, mit seiner schweren Kameraausrüstung filmend, eine Höhe von 8600 Metern.  Diese an Poesie und Dramatik reichen Schilderungen vermitteln angesichts des aktuellen Everest-Business einen Blick in eine völlig andere Welt und wirken wie aus der Zeit gefallen (zum Vergleich: Im Jahr 2017 gelangten 648 Personen auf den höchsten Punkt!). Dyhrenfurth hatte einen tiefen inneren Zugang zu dieser Region und ihren Menschen: „Wann immer ich die „heilige Wiese“ von Tengpoche ver-lassen hatte, erfüllte mich ein starkes Gefühl, dort schon einmal, in einer früheren Exis-tenz, gelebt zu haben. Jedes Mal war ich tief bewegt und den Tränen nahe. Ich wusste, dass ich ein Stück meiner selbst zurückließ, und dass ich eines Tages – irgendwie zurück-kehren müsste“. Dies wurde ihm zuteil: im Frühjahr 2018 wurde ein Teil der Asche des mit 99 Jahren verstorbenen Himalaya-Pionieres in einem Tschorten in Tengpoche bei-gesetzt, und ein weiterer über dem Khumbugletscher verstreut.             a.m.

Sehenswert: https://www.youtube.com/watch?v=B5AGcC4BBMg;        https://www.br.de/berge/sonstiges/norman-dyhrenfurth-bergfilmer-nachruf-rucksackradio-100.html